Cabaret Volltaire 2002

Am Samstag,dem 2. Februar 2002 zogen die Erben des Cabaret Voltaire im Züricher Niederdorf in die seit mehreren Jahren leerstehenden Immobilie an der Münstergasse26 Ecke Spiegelgasse1 ein, wo nur ein sehr versteckt angebrachtes kleines Schild bis dahin auf die Geburtsstätte des Dadaismus aufmerksam gemacht hatte. Sie begrüssten die nach einer halben Stunde anrückende Polizeieinheit in Anzügen und Abendkleidern mit Sekt ,Häppchen und Grammophonklängen. So schnell wie sie gekommen war, verschwand die Polizei wieder mit der Begründung, dass es sich hier wohl nicht um herkömmliche Besetzter, sondern um Künstler handele.

Der historische Ort des Cabaret Voltaire, noch immer mit Bühne und Beleuchtung ausgestattet, wurde durch Pastor Leumund aus Berlin mit einer Dada-Mitternachtsmesse wieder neu eingeweiht. Die oberen Stockwerke mit funktionstüchtiger Grossküche, Wohnräumen und einer Terasse wurden von der ca. 30-köpfigen Gruppe aus Kulturschaffenden und Aktivisten bezogen, mit dem Ziel, dem Dadaismus eine würdige Gedenkstätte zu schaffen.

"Ihr Wohnen in der historischen Stätte verstehen die Künstler als "gelebte Skulptur", gleichzeitig bieten sie kostenlos Raum für Kultur in dadaistiacher Tradition, ohne Regeln und ohne Kommerz." (Thomas Kirchner -- Süddeutsche Zeitung)

"Ohne Experiment kein Trend Motivation für das Betreiben eines Veranstaltungsortes ist das Experiment Einstudierte Darbietungen müssen zumindest mutieren Kombinationen müssen rotieren Simultane Simulationen gefördert werden Die Bühne ist das Publikum ist die Bühne DADA schliesst nichts aus Alles gehört dazu, sobald es den Raum betritt nieder ahnschwellt Welle ahnschwappt bring dein Ding- die Jury ist auf dem Klo" (Betriebskonzept des Cabaret Voltaire 2002)

Während die Gruppe ein tägliches Veranstaltungsprogramm organisierte und Dada-Symphathisanten aus aller Welt einlud, überbrachten Boten der Hauseigentümerin 'Swissville', einer Tochtergesellschaft der 'Rentenanstalt/Swiss Life', einer der grössten Versicherungskonzerne der Welt, in regelmässigen Abständen einen Schrieb, in dem die ãillegalen BesitzerÒ ausschliesslich bis zum pünktlichen Beginn der Umbauarbeiten zu einer Apotheke mit darüberliegenden Luxusappartements am 2. April 2002 geduldet wurden. Gleichzeitig transformierten die immer zahlreicheren Nutzer des neuen Treffpunkts die Räume zu einer merzbauartigen, bewohnten Ausstellung und veranstalteten als neugegründete "Fondation Kroesus pour l`humanite" eine erste Pressekonferenz .

Um die Ernsthaftigkeit ihrer Absicht praktisch umzusetzen, führte die 'Fondation-Croesus' anschliessend eine erste Fensterauschüttung von 1000 Franken in 1-Frankenstücken für Vorbeiziehende in der Münstergasse durch. Da den Passanten grösstenteils der Wert der Münzen nichtmal ein Bücken wert war und das meiste Geld von realdadaistischen-Aktivisten in die Gullischlitze geschoben wurde, beraumte die 'Fondation-Croesus' eine zweite Fensterausschüttung für den 1.April 2002 ein. Das von der 'Fondation Croesus' für den erwerb der Immobilie eröffnete Spendenkonto sollte -scheitern des erwerbs- eine grosszügigere Ausschüttung in Scheinen ermöglichen. Unter dem eindruck eines immer breiteren öffentlichen interesses richtete das betreiberkollektiv, regelmässige veranstaltungen mit den schwerpunkten merzbauen bei musik, sprachsport, offene bühne, sowie konzerten und theateraufführungen am wochenende ein, bei denen (zur finanzierung von lebens- und fahrtkosten aller beteiligten) ein geringes, oftmals erwürfeltes eintrittsgeld gefordert wurde. Um eine aufhebung der grenzen zwischen kulturproduzent und -konsument anzuregen, ortsspezifische experimente zu fördern und nicht zuletzt aus verständnis für die nachbarn wurde auf herkömmliche lautstärkeorientierte partyveranstaltungen weitgehend verzichtet. Aus dieser motivation heraus wurde auch die tradition der dada-messe samstagsnachts aufrechterhalten, bei der das agieren der gemeinde im vordergrund stand. das wiederbelebte cabaret voltaire löste in zürich einen kurzzeitigen dada-boom aus, es gab nächtelange dada-features im radio , tägliche berichte in der züricher presse und im fernsehen und bei orel-füssli -der grössten buchladenkette der schweiz-- standen nur noch dada-bücher im schaufenster. Der Druck auf die stadt, diesen ort von internationaler strahlkraft als kulturbetrieb zu erhalten, wurde stärker und so trat jean pierre Hoby auf den plan, als stadtpräsident für die kulturelle pflege der stadt verantwortlich. er erklärte sich mit den betreibern des cabaret voltaires solidarisch, versicherte ihnen , dass sich keine spitzhacke dem haus nähern würde und nahm den kontakt mit der rentenanstalt auf. ermutigt veranstaltete die fondation kroesus dada- aktionstage, an denen die aktivitäten aus dem haus in die innenstadt zürichs getragen wurden und organisierte zum nahenden räumungstermin eine 200-köpfige miliz-armee, die mit einem in der nacht zuvor gemeinsam gebastelten pappwaffenarsenal aus hellebarden ,armbrüsten und kanonen das polizeihauptquartier an der urania stürmte und symbolisch einen 2 meter langen fehde- handschuh hinterliess. das anschliessende vorhaben, die rentenanstalt, welche in mehreren häuserblocks direkt am zürichsee residiert, über den wasserweg her anzugreifen, scheiterte daran , dass an diesem schönen frühlingstag bereits alle tretboote vermietet waren. als die kroesus- miliz-armee von der schlacht nach hause kam, traute sie ihren augen kaum : vor dem cabaret voltaire hatte sich eine dichte menschenmasse gebildet, die bereits stundenlang mit starr zu den fenstern gereckten hälsen auf die angekündigte geldscheinausschüttung wartete und sich für vorbeiziehende hielt. Ein grosses unvergessliches missverständnis . Auf dem kroesus-stiftungskonto befanden sich bis zu diesem zeitpunkt aber lediglich ganze 47 franken, sodass spontan persönliche vermögen zur beruhigung der gierigen massen aus den fenstern geworfen wurden, gut durchmischt mit falschgeld und eimerladungen von wasser. Leider war die kroesus-miliz-armee nicht im stande, das cabaret voltaire am frühen morgen des 2. aprils gegen die eindringende Polizeieinheit zu verteidigen und so wurden die Ordnungshüter abermals mit sekt begrüsst und das haus friedlich verlassen. Die Polizisten, die sich offenbar in der Zwischenzeit mit dem Themenfeld etwas vertraut gemacht hatten, überraschten die Vertriebenen mit Bemerkungen wie ãKunst ist VeränderungÒ, während die sofort zu arbeiten beginnenden Bauarbeiter sämtliche Einrichtungen, Installationen und Ausstellungsräume im Haus zu Kleinholz schlugen. Unvergessen der Anblick von Büchermassen, die zuvor als Barrikaden in Fenstern und Türen gedient hatten, und nun von den Bauarbeitern in schubkarren in einen grossen müllcontainer geworfen wurden. Die nun Obdachlosen DADA-Aktivisten richteten vor dem benachbarten Buchladen orel-füssli ein Matratzenlager und offenes Wohnzimmer ein, wo sie 48 stunden lang geduldet und von Anwohnern mit essen und trinken versorgt wurden. (Pastor Leumund - Cabaret Voltaire 2002)

Während die Diskussion um die zukünftige Verwendung der Cabaret-Voltaire-Räume immer noch anhält, sind die, die den Stein ins Rollen brachten längst weitergezogen.

Beteiligte Künstler und Unterstützer der 1. Dada-Festwochen im Cabaret Voltaire 2002:
Stini Arn, Mark Divo, Zaccheo Zilioli, Silvan Leuthold, Derek Al Ramsy, Gau Miau, Elektra Sturmschnell, Xeno Volcano, Kampfgiraffe, Subscience, bang goes, Styro 2000, Mickry 3, Andres Lutz, Kathriona Guggenbühl, The Hot Synchopators, Biopop, Thomas Lehmann, Veronica Wenzel, Gianni von Albertini, Knarf Rellöm, F.S. Blumm, DJ Patex, Boni Koller, Opus no media, Radical Candysnacks, Vladivostok, Gürü, Etrit Hasler, Zugluft, Boris von der Burg, Orange Drive, Martin Senn, Companie Gloria Rigole, Dani Gšldin, L-Deep, PVP, Johanna Lier, Team Winterthur, Pierce, Labrium, Pastor Leumund, Fluxus Zug, The King Anabels, Waldorf, Wolf-Biermann-Explosion, Lennie Lee, Dan Jones, Mirzlekid, Aki Müller, Die Fickenden Turnschuhe, Anika Paetzold, Fake Masters, Pebert und Fieling, Joke, Prinzessin in Not, Evita, Edy Baur, Trix Meier, Sandra Kuenzi, Schönwetterkru, Selina Trepp, La Bombe, Jurczok, QueRico, Ajana Calugar, Grrrr, Medooza, Kehrwoche, Franziska Koch, Moni Schori, Interpixel, Stuttgarter Dadaisten, Novilon, Miroz, Svenja Plaas, Enrique, P`nut, Cocorico, Nanatakker, Petra Wild, Philip Anz, Aster O.H., Monoblock B, Akkordeonorchester Bellevue, Herr Blum, Pirom, Twitch, Suzanne Zahnd, La Gorda, Supermario, Babyshake, Anja Kleidt,Pascal Häusermann, Kerl Zumstein, Olga Mazurkiewicz, Catcha, Lou Lou, Dakini & Leo, Mario & Valentimo Marchisella, Serena Florsheim, Olifr M.GUZ, Hannes Hug, Dänu Böhmle, Niklaus Ruegg,APartOfIt, Ursina Klemenz, Thala Linder,Sue Ellen, Bermuda Idiots, Dominik Locher und viele mehr.....